Das „Wertpapier“ zur Krise

© LVR-Industriemuseum Foto: Annette Schrick

Das Phänomen des begehrten Toilettenpapiers während der Corona-Krise.

Das LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte widmet sich mit seinen unterschiedlichen Disziplinen der Erforschung der Alltagskultur in der Region. Aktuell beobachten die Fachleute in ihrem Projekt „Alltag in der Krise – die Krise im Alltag“, wie der Alltag aufgrund der massiven Veränderungen durch das Corona-Virus aus dem verlässlichen und vertrauten Rahmen fällt. Durch die Beobachtungen wollen die Fachleute die Funktionsweisen des Alltags besser verstehen. Deshalb begleiten sie die Menschen in der Region durch die Krise im Alltag – und den neuen Alltag in der Krise. Die Ergebnisse werden sie in den nächsten Wochen hier veröffentlichen.

Den Auftakt bildet ein Interview mit der Kulturanthropologin Dr. Dagmar Hänel, Leiterin des LVR-Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte.

Zu den besonderen Phänomenen in diesen Tagen gehört, dass Menschen sogenannte Hamsterkäufe tätigen. Ganz besonders beliebt ist vor allem Toilettenpapier. So sehr, dass es in einigen Supermärkten nur noch rationiert abgegeben wird. Wie erklären Sie sich diesen Ansturm auf Drei- und Vierlagig?

Dr. Dagmar Hänel: Das sogenannte Hamstern von ausgerechnet Toilettenpapier ist ein sehr vielschichtiges Zeichen für ein weit verbreitetes Verhalten in einer Krise. Dabei steht das Produkt am Ende einer Art assoziativen Entscheidungskette von Menschen, die gerade extrem verunsichert sind.

Am Beginn steht die Nachricht eines unbekannten Virus, der tödlich sein kann und der sich rasend schnell weltweit verbreitet. Das löst zunächst einmal Verunsicherung und Angst aus. Wie sollen wir uns nun verhalten? Fachleute, Politikerinnen und Politiker empfehlen unter anderem Händewaschen, soziale Kontakte meiden, zu Hause bleiben. Das erscheint nun vor allem Menschen, die starke Ängste haben, oft überhaupt nicht angemessen. Mindestens Desinfektionsmittel, Mundschutz und Handschuhe sollten es doch sein. Diese Verunsicherung und Angst löst Vorstellungen von einer katastrophalen Zukunft aus: Begriffe wie Quarantäne oder Ausgangssperre erzeugen Bilder von Menschen, die eingesperrt sind, vom Zusammenbruch der Daseinsvorsorge. Wer solche Vorstellungen hat, versucht über Hamsterkäufe von Wasser, haltbaren Lebensmitteln und auch Toilettenpapier ein Gefühl von Sicherheit für sich herzustellen. Die Generation der über 70-jährigen kennt diese Situation aus der Kindheit: Zum Ende des Zweiten Weltkrieges und in den ersten Jahren der Nachkriegszeit haben Menschen gehungert, die hygienischen Zustände waren teilweise katastrophal. Gut, wer damals auf Vorräte zurückgreifen konnte, die zudem auf dem Schwarzmarkt als Währung dienen konnten.

Über die Kulturgeschichte des Toilettenpapers informiert übrigens derzeit die Sonderausstellung „Von der Rolle – KloPapiergeschichten“ im aktuell leider geschlossenen LVR-Industriemuseum Papiermühle Alte Dombach in Bergisch Gladbach.

Das Horten von Toilettenpapier beobachtet man durch alle Altersgruppen hinweg. Es ist also nicht nur die ältere Generation, die durch Kriegszeiten diesbezüglich geprägt ist. Steckt das Hamsterkauf-Gen also vielleicht tiefer in uns?

Dr. Dagmar Hänel: Es ist weniger ein Gen als eher eine alltagskulturelle Strategie in Krisensituationen. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie greifen extrem in unsere Alltagsroutinen ein: Schulen und Kitas werden geschlossen, ebenso alle Institutionen des öffentlichen Lebens, von Kneipe über Kirche bis Fußballstadion. Wenn auch „Alltag“ oft als eher langweilig und grau bewertet wird, hat er in seinen regelmäßigen und wiederkehrenden Abläufen eine äußerst wichtige Funktion für uns: Alltag vermittelt Sicherheit, Vertrautheit, Gemeinschaft und Identität. Die Pandemie lässt Ängste entstehen, die das grundsätzliche Gefühl von Sicherheit und Gemeinschaft in Frage stellen. Die angeordneten Maßnahmen machen viele Alltagsrituale und Gemeinschaftserfahrungen unmöglich. Aus dieser Verlusterfahrung entsteht die Krise, die angstbesetztes Verhalten hervorrufen kann. Um dieser Krise zu begegnen, muss eine neue Art von Alltag hergestellt werden.

Kennt man aus früheren Zeiten jenseits von Krieg das Fixiert sein auf einen bestimmten Artikel?

Dr. Dagmar Hänel: Ja, beispielsweise in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg waren es Nylonstrumpfhosen, die hochgradig symbolisch aufgeladen waren: Sie standen für Schönheit und Erotik, für einen gepflegten weiblichen Körper und für das Bild einer modernen Gesellschaft und Zukunft. Einzelne Produkte bekommen häufig in Situationen des Mangels eine besondere Bedeutung, denken Sie an den Trabi in der DDR. Aber auch Mechanismen des kapitalistischen Wirtschaftssystems arbeiten mit der Fixierung auf bestimmte Artikel, hier werden beispielsweise bestimmte Artikel nur in kleinen Mengen in den Markt gegeben, um Dinge wie ein I-Phone besonders attraktiv zu machen. Das spiegelt sich letztendlich im Preis, aber auch im Status, der über solche Produkte transportiert wird.

Bei der Bevorratung scheint es landestypische Vorlieben zu geben. In Frankreich zum Beispiel wird derzeit große Mengen Rotwein gekauft. Warum ist es in Deutschland ausgerechnet Toilettenpapier?

Dr. Dagmar Hänel: Das Toilettenpapier-Hamstern ist gar nicht so typisch deutsch, es findet sich auch in asiatischen Ländern, bei unseren europäischen Nachbarn, in den USA und Australien. Diese Aufwertung von Toilettenpapier in Zeiten der Krise ist ein globales Phänomen, ich sehe hier Bezüge zu einer allgemeinen symbolischen Bedeutung von Toilettenpapier. Denn Toilettenpapier hat eine Funktion, es geht um die Herstellung elementarer Körperhygiene, um Vorstellungen von Reinheit und Sauberkeit. Und diese Vorstellungen sind wichtig für die symbolische Herstellung von Sicherheit, Selbstwirksamkeit und Selbstbestimmung als zentrale Elemente unserer Identität. Der Körper spielt eine wichtige Rolle in der Erfahrung dieser Identität. Wenn Kleinkinder lernen, ihre Ausscheidungen zu kontrollieren, ist das ein bedeutsamer Schritt für ihre Entwicklung, wenn durch Krankheit oder im Alter diese Kontrolle verlorengeht, löst das bei fast allen Menschen Ängste und Identitätskrisen aus. Toilettenpapier in ausreichenden Mengen zur Verfügung zu haben, kann so zum Symbol für das Bedürfnis nach Kontrolle, Sicherheit, Reinheit und Gesundheit werden.

Zur Person:
Dr. Dagmar Hänel ist Kulturanthropologin und leitet das LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte (LVR-ILR) in Bonn. Das Institut ist das Kompetenz-Zentrum für die Geschichte, Sprache, Volkskunde und Alltagskultur des Rheinlands. Hier arbeiten Fachwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler aus den Bereichen Geschichte, Sprachforschung, Volkskunde, Judaistik und Soziologie interdisziplinär zu historischen und aktuellen Fragestellungen, die helfen, die Entwicklung unserer Region besser zu verstehen. Eine kontinuierliche Grundlagenforschung und fortlaufende wissenschaftliche Dokumentationen bilden das Fundament der Arbeit. Mit Büchern, Filmen, Vorträgen, Tagungen und Ausstellungen zeigt das Institut die Ergebnisse seiner Arbeit.

Hinweis an die Redaktionen: Das LVR-Industriemuseum Papiermühle Alte Dombach in Bergisch Gladbach zeigt noch bis Februar 2021 die Sonderausstellung „Von der Rolle – KloPapierGeschichten“. Zwischen weiß gefliesten Wänden erfährt man viel über die Geschichte des ‚stillen Örtchens‘ und den Umgang mit Hygienepapieren.

Während der Corona-bedingten Schließung des Museums erhalten Sie hier erste Eindrücke.

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